Kapitel 3 - Die Farbe Blau

Ihr solltet wissen, daß Farben bei uns eine sehr wichtige Rolle spielen. Ich kann es nicht erklären, aber ich war immer blau angezogen. Blau ist meine Lieblingsfarbe und ich kann mir nicht vorstellen, jemals was anderes anzuziehen. Auch alle meine Freunde waren blau angezogen. Blau ist UNSERE Farbe und wenn jemand was anderes anzieht, dem hau ich eins auf die Rübe. Das sollte ich zumindest erfahren.

Eines Tages, noch in der goldenen Zeit, als ich genug Arbeit hatte und mir um nichts Sorgen machen musste kam ein Träger vorbei und begrüßte mich nett. "Hallo alter Metallklopfer, was macht die Arbeit?". So hatte mich noch nie jemand genannt. Ich fand ihn befreiend sympatisch und sagte: "Die Waffen liegen vor der Haustür, 2 Bögen und ein Schwert". Er grinste mich schelmisch an: "Nee, Du, ich bin nicht zum Tragen gekommen. Ich schau mich nur mal um. Ich kann die Arbeit nicht ausstehen".

Ich ließ ihn einfach zuschauen und wir unterhielten uns gelassen. Ich beschrieb ihm sogar den Weg zur Werkzeugschmiede. Dort könnte er sich einen Hammer herstellen lassen, falls er auch Schmied werden wollte. Er nickte nur und sagte weiter nichts dazu.

Er machte immer wieder seine Runden zu den Kohleminen oder zu den nahegelegenen Kasernen. Als ich ihn fragte, sagte er nur, er wolle nur nicht auffallen, denn solange er lief, würden die anderen denken, er hätte ein Ziel und würde arbeiten.

An einem herrlich sonnigen Morgen sagte er dann zu mir: "Du, könnte ich mal ein Schwert mitnehmen?" Ich dazu: "Willst Du jetzt doch arbeiten oder was?" "Ja" sagte er ein wenig traurig, "ich glaube, es reicht nicht, immer nur rumzulaufen. Die Leute werden doch mißtrauisch". "Na dann mal los, wird Dir sowieso mal gut tun".

Als er dann mit dem Schwert loszog, fand ich, daß es sogar ganz gut war, daß er sich nicht am Tragen beteiligte. Der Junge hatte damit größte Probleme, konnte nicht mehr so schnell laufen und lief auch noch in die falsche Richtung. Und so brauchte er auch eine Ewigkeit, bis er wieder zurück kam.

"Na, alter Faulenzer, hast Du den Weg endlich gefunden?"

"Ja", sagte er dazu und nahm gleich ein Speer. Ich war verwundert, daß er gleich wieder losziehen wollte, denn ich hatte mich gefreut, wieder einen Unterhaltungspartner zu haben: "Du, lass das mal, wenn Du alles so langsam machst wie das Tragen, dann ist es besser, wenn Du nur rumstehst. Außerdem geht mir dann die Arbeit viel leichter von der Hand."

Er kam nicht mehr dazu, zu antworten. Wir hörten auf einmal 3 Schwertkämpfer in diesem herrlichen Blau auf uns zukommen. Für einen Augenblick dachte ich sogar, ich will auch ein Soldat werden. Doch mein Freund fing an zu schwitzen und sagte nur "Leb wohl, mein Freund" und lief schon los.

Und als die Soldaten in die Nähe gekommen waren, passierte etwas sehr seltsames. Mein alter Freund, der Träger sah nicht im geringsten blau aus. Nein, aus der Ferne schimmerte er grün. Unglaublich, er war grün, völlig hässlich. Ich hab ihm noch "Verräter" hinterher gerufen und einen Stein nachgeworfen. Irgendwie fand ich ihn auch richtig dumm. Statt den Speer fallen zu lassen und wegzurennen, mühte er sich damit ab. Da kam schon die nächste Kohleladung und ich musste glücklicherweise arbeiten. Ich bin froh, daß sie alle außer Sichtweite waren, als die Soldaten ihn erreicht hatten. Später erfuhr ich, daß sie sogar zu zehnt waren, diese Diebe.

© 1999-2021 Astrid Keßler - http://treffpunkt.kess-net.de/

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