Kapitel 19 - Jippie

Schon nach kurzer Zeit war bei uns wieder der Alltag eingekehrt.

Die Stimmung war recht bedrückt, denn unsere Verbündeten hatten erhebliche Versorgungsprobleme.

Sie haben vergessen, sich um die Fleischversorgung zu kümmern und müssen sich jetzt mit einem Erzmangel herumschlagen. Für uns bedeutete das natürlich, daß wir in der Verteidigung auf uns selbst gestellt waren und gegebenenfalls auch unseren Verbündeten helfen mussten, falls sie angegriffen werden würden.

Die Träger erzählten mir, man habe sich nun auf die Verteidigung eingestellt und befestige unsere Grenzen mit Burgen.

Außerdem sei eine Spionenwarnung ausgesprochen worden. Es waren also feindliche Spione unterwegs und man solle die Augen auf halten. Naja, ich weiß ja inzwischen, daß die sehr gut getarnt sind. Ich wollte den Träger nicht entmutigen.

Mein Nachbar, der Schiffsbauer, hatte inzwischen wieder weniger zu tun. Wenn ich ehrlich sein darf, er hatte gar nichts mehr zu tun. Wir hatten genug Fähren und Handelsschiffe gebaut.

Natürlich brachte er mir bei Gelegenheit meinen Hammer wieder zurück. Denn diesmal war ich derjenige, der viel und schnell arbeiten musste.

Einmal wollte er mir sogar mal helfen, aber dafür ist er einfach zu ungeschickt. Also, unter uns, so wie er den Hammer hält, frage ich mich, wie er überhaupt Schiffe bauen kann. Schmieden kann man so jedenfalls nicht. Aber das war auch nicht seine Aufgabe, ich freue mich einfach über seine Gesellschaft.

Eines Tages hörte ich draußen ein paar Leute "Jippiee" rufen. Die Rufe kammen aus dem Berg, aber ich konnte nicht nachsehen, weil ich zu viel zu tun hatte.

Gegen Abend klopfte es an meiner Tür und es standen 4 Geologen da. Ich traute meinen Augen erst mal nich, das war doch ...

Ich sagte: "Du bist doch ...".

"Ja", lachte er, "ich bin der Träger, der Dich durch die Gegend geschleift hat. Du sagtest mir doch, ich soll vorbeikommen, wenn mein Weg mal hier vorbeiführt. Du hast doch nichts dagegen, daß ich Freunde mitgebracht hab?"

"Nein, natürlich nicht, kommt doch alle rein. Du bist jetzt also Geologe geworden?"

"Ja, ich war ja lange genug Träger. Das Leben als Geologe ist doch etwas weniger stressig. Denn irgendwann ist jedes Gebirge abgeklopft"

"Naja", meinte einer seiner Freunde, "aber dafür leben wir auch gefährlicher."

"Gefährlicher?". Ich wusste nicht, was er meinte.

Ein anderer dazu: "Ach weißt Du, die feindlichen Soldaten tun den Trägern und auch anderen nichts. Aber Geologen werden angegriffen. Deswegen müssen wir aufpassen, daß wir ihnen nicht zu nahe kommen"

"Acha, das wusste ich nicht. Dann passt auf Euch auf".

Ich lud die Geologen zum Tee ein und wollte wissen, warum sie eigentlich so "Jippiee" rufen, wenn sie Rohstoffe gefunden haben.

"Ach weißt Du", antwortet einer, "wir haben den Ruf faul zu sein. Ich meine, wenn wir den ganzen Berg bearbeitet haben, gibt es nun mal nichts zu tun."

"Soso, ich verstehe, ihr ruft dann dauernd 'Jippiee', damit man mitkriegt, daß ihr doch arbeitet".

Mein ehemaliger Begleiter lachte herzhaft: "Nein, daß wir arbeiten, sieht man ja schon an den Schildern, die wir aufstellen. Nein, nein, wir brüllen nur, damit die Leute sich freuen, wenn wir endlich aufhören zu arbeiten."

© 1999-2021 Astrid Keßler - http://treffpunkt.kess-net.de/

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