Kapitel 18 - Rundfahrt

Es kamen wieder sehr unruhige Zeiten auf uns zu. Uns war die Bedrohung durch die Amazonen bewusst, deswegen arbeiteten wir so gut wir konnten. Ich schmiedete meine Waffen, und der Schiffsbauer weiter unten Hämmerte seine Schiffe zusammen.

Hin und wieder hatten wir beide unsere Pausen. Ich musste öfter auf Kohle warten und er auf Eisen.

Eines Tages hörte ich Geklimper und Gepolter. Ja, den Lärm kannte ich nur zu gut. Es waren die schweren Schritte der Soldaten, ihr Rüstungsscharren. All das hatte ich ja schon mal erlebt. Waren die Amazonen unterwegs? Aber wieso wollten sie dann hier angreifen? Hier gab es doch gar keinen Turm. Außerdem hatte ich keine Lust, meine Schmiede noch einmal zu verlieren.

Ich wagte mich hinaus, um zu sehen, was los war. Es waren unsere Soldaten. Ich kann nicht mehr sagen, wie viele, aber ich war jedenfalls erleichtert.

Sie zogen geradewegs zur Werft, und ich wollte wissen, was sie dort vor hatten, also ging ich auch dort hin.

Da ich weit vor ihnen da war, fragte ich den Schiffsbauer, was die Soldaten denn bei ihm wollten.

Er dazu: "Sie kommen nicht zu mir, sondern zu den Fähren. Sie wollen sich mit den Fähren auf Feindesland absetzen lassen, um dort anzugreifen."

Natürlich, das hätte mir auch selbst einfallen können. "Ja klar", sagte ich und bevor ich weiterreden konnte, bemerkte ich Pioniere, die auch in unsere Richtung kamen. Was die aber wollten, konnte ich mir nicht vorstellen. Also fragte ich wieder den Schiffsbauer. Auch dazu wusste er eine Antwort: "Die Pioniere sollen die gegnerischen Soldaten ablenken. Sie können gegnerisches Land, das nicht von einem Turm geschützt wird, einnehmen. Da müssen sich die Gegner entscheiden, wogegen sie sich zuerst wehren wollen, wenn sie nicht genug Soldaten haben."

Ich war wie immer sehr neugierig: "Sag mal, kann ich da nicht mitfahren und mir das ansehen?"

"Du willst aber auch überall dabei sein" entgegnete er wenig erfreut, "Lass das gut sein, Du hast da nichts verloren."

In der Zwischenzeit waren die Soldaten und die Pioniere schon an der Küste angekommen. Die Soldaten waren fröhlich und sangen Marschlieder. Wussten sie denn nicht, was sie erwartete?

Da die Schiffe an Land gekommen waren, ging ich einfach hin und stieg mit auf eine der Fähren. Sodann fuhr sie auch weg dort und die nächste Fähre setzte an Land an.

Es fühlte sich komisch an. Das Schiff wankte und ich dachte, ich falle gleich um. Aber ich war überglücklich, ich hatte es geschafft, denn es ging schon Richtung Feindesland.

Plötzlich hörte man einen Soldaten vom Land zurufen: "Haaaalt, Ihr habt mich vergessen. Ich will mit!"

Auf allen Schiffen ging ein Murmeln los, wovon ich kaum was verstanden hatte, bis ein Soldat auf mich deutend rief: "Der hat hier nichts verloren."

Zu mir gewandt sagte er: "Tut mir Leid, die Plätze sind genau abgezählt, Du musst wieder gehen. Erstens brauchen wir dort jeden Soldaten und zweitens hast DU dort sicher nichts verloren."

Also wurde ich wieder an Land abgesetzt und der Soldat durfte einsteigen.

Als ich an der Werft vorbei kam, meinte der Schiffsbauer: "Na, hast Du die Rundfahrt genossen?"

"Sag nichts!", maulte ich sauer und ging weiter.

Später sollte ich erfahren, daß unsere Soldaten eine schwere Schlacht geschlagen und den Gegner empfindlich geschwächt haben. Doch keiner von ihnen und auch kein Pionier hatte sein Heimatland wiedergesehen.

© 1999-2021 Astrid Keßler - http://treffpunkt.kess-net.de/

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