Kapitel 20 - Festmahl

An jenem Tage saßen die Geologen und ich ziemlich lange zusammen. Nachdem wir uns über ihre Arbeit unterhalten hatten, überraschten sie mich richtig.

Sie hatten ihre Taschen mit Essen gefüllt und breiteten alles feierlich auf dem Tisch aus. Das Gute war, daß Geologen keine Vorlieben haben. Also war wirklich von allem was da. Frisches Brot, duftender Schinken und feiner Fisch.

Gemeinsam deckten wir den Tisch und wollten gerade zulangen als es an der Tür klopfte.

Es war ein Träger. Einer, den ich sehr gut kannte. Ein komischer Kauz, denn seine richtige Bezeichnung hatte er vergessen. Er nennt sich einfach "Träger" und weigert sich, jemals einen anderen Beruf anzunehmen. Er meint, wenn er Träger bleibt, sieht er ewig jung aus, und ich muß ihm da wirklich recht geben. Er ist nur wenig jünger als ich, sieht aber wirklich viel jünger aus. Wie dem auch sei, er möchte auf keinen Fall was anderes machen.

Ich wunderte mich, daß er bei mir klopfte. Normalerweise hielt er sich nicht auf, sondern holte die Ware ab und machte sich gleich auf den Weg.

Ich machte ihm auf und begrüßte ihn: "Hallo Träger, welch Überraschung!"

"Ja, nicht wahr?", sagte er, "Ich dachte, ich schau mal bei Dir vorbei. Habe auch ein paar Neuigkeiten."

"Aber sicher doch, komm rein", bat ich ihn hinein.

Nachdem ich Träger und die Geologen einander vorgestellt hatte, kommentierte Träger: "Hmmm, das riecht hier aber gut, nur eines fehlt". Er griff in seine Taschen und brachte 2 Flaschen Wein hervor. Das war allerdings sehr ungewöhnlich. Denn an uns wurde kein Wein ausgeschenkt. Nur die Priester bedienten sich gerne daran, was sie eigentlich auch nicht durften. Aber wir wollten uns ja nicht beschweren.

Also setzten wir uns gemeinsam an den Tisch und langten endlich zu.

Ich fragte Träger: "Was hast Du denn zu berichten?"

Dazu der Träger: "Weißt Du, der Berg hier ist erschöpft. Du wirst hier in Zukunft nur schlecht mit Rohstoffen versorgt werden können".

"Ja", sagte einer der Geologen, "das wollte ich auch schon sagen. Aus diesem Gebirge ist nichts mehr rauszuholen".

"Hmmm", ich wurde nachdenklich, "und was bedeutete das für mich?"

Träger fiel wieder ein: "Genau das wollte ich erzählen. Für Dich ist in der Nähe der Waffenlager eine neue Schmiede in Auftrag gegeben worden. Das heisst, daß Deine jetzige Schmiede abgerissen werden wird und Du nochmal umziehen musst. Aber keine Sorge, es ist dort auch eine schöne Gegend".

"So schön wie hier?", wollte ich wissen und Träger bejahte. Allerdings wollte er mir nicht verraten, was ich da zu sehen hätte. Er verriet mir nur, daß ich diesen köstlichen Wein dort viel häufiger zu Gesicht bekommen würde.

Auch wenn mir der bevorstehende Abschied doch etwas Sorgen bereitete, war die Aussicht auf mehr Wein doch verlockend. So machten wir uns noch einen schönen und fröhlichen Abend, bis sie sich erst ganz spät verabschiedeten.

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