Kapitel 17 - Nette Aussicht

So sehr mir die Wanderung durch die Gegend auch Spaß gemacht hatte, so war ich doch froh, endlich wieder zu Hause zu sein und meiner gewohnten Tätigkeit nachzugehen.

Ich muß aber auch dazu sagen, daß mein neues Haus an einer wirklich sehr beneidenswerter Stelle war. Meine Schmiede war an einen Berghang mit direkter Sicht ans Meer gebaut. Ich konnte also weit übers Meer blicken, aber auch über viele Gebäude, die dazwischen lagen.

Da wir immer wieder Kohleprobleme hatten, musste ich öfter zwangspausieren und hab die Aussicht einfach genossen.

Am Meer war eine Werft und ich bin ab und zu einfach mal rübergelaufen, um mich mit dem Schiffsbauer zu unterhalten. Zu meinem Erstaunen war es der selbe, den ich schon unterwegs einmal getroffen hatte. Er meinte, seine alte Werft sei einfach ungünstig positioniert gewesen, deswegen sei er kurzerhand hierher umgezogen.

Eines Tages stand ich mal wieder bei ihm. Der Schiffsbauer hat die nette Eigenart, daß man sich mit ihm unterhalten kann, auch wenn er gerade beschäftigt ist. Die meisten anderen sind einfach zu sehr in ihre Arbeit vertieft, daß sie nicht mehr zuhören.

"Na, wieder viel zu tun?", fragte ich ihn.

"Ja", sagte er etwas gehetzt, aber dennoch zufrieden, "wegen der Amazonenbedrohung soll ich viele Fähren bauen. Man hat etwas vor, aber frag mich bitte nicht, was."

"Wieviele musst Du denn bauen?", wollte ich wissen.

"Also, erst mal 5 Fähren. Ein Handelsschiff soll ich auch noch zwischenschieben. Zu tun gibt es also genug."

Er schaute kurz in die Ferne und meinte dann: "Kuck mal, wer da kommt".

Man sah ein paar Planierer kommen, und instinktiv wusste ich, was sie wollten: Neben die Werft sollte eine Anlegestelle gebaut werden. Die Planierer mussten dafür aber erst mal den Boden ebnen.

Der Schiffsbauer meinte neckisch: "An Deiner Stelle würde ich denen aus dem Weg gehen"

"Wieso denn?"; doch kaum gefragt, sollte ich auch erfahren, wieso.

Einer der Planierer rief mir zu: "Ach, da steckt er ja schon wieder, unser 12 of 5. Weißt Du eigentlich wie lange ich für Deine Schmiede planieren musste? Da am Berghang? Und dann stand es soooooo lange leer. Ich bin da noch sehr oft vorbeigelaufen und meinte, keiner wisse meine Arbeit zu würdigen."

"Oh", ich wurde verlegen, "das tut mir Leid. Ich war unterwegs und da gab es so viele interessante Sachen und ähm..."

"Ach vergiss es", unterbrach er mich, "es gibt schlimmeres. Viel schlimmeres"

"Schlimmeres?"

"Ja, stell Dir vor: Einmal habe ich wirklich sehr sehr lange für eine Kaserne planiert. Es war so ziemlich die unebendste und meiner Meinung nach die ungeeigneteste Stelle für eine Kaserne. Es hat eine Ewigkeit gedauert. Und kaum war ich fertig, wurde der Bau abgebrochen. Einfach so! Weißt Du, hätten die Bauarbeiter zuerst aufbauen müssen und wäre die Kaserne dann abgerissen worden, dann wäre es mir egal. Aber nein, ich habe wirklich umsonst gearbeitet. Ach, was rege ich mich auf. Nicht alles ist so schlimm. Aber geteiltes Leid wäre leichter zu ertragen gewesen"

Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte, also versuchte ich ihn etwas zu beruhigen: "Na, ich weiß Deine Arbeit auf jeden Fall zu würdigen. Denn schau mal, was für eine nette Aussicht Du mir beschert hast. Und wenn Du mal Zeit hast, dann komm doch einfach mal bei mir vorbei."

Er willigte ein, musste sich aber wieder auf den Weg machen, weil er ja für die Anlegestelle schaufeln musste.

Der Schiffsbauer, der alles mitgehört hatte, meinte lachend: "Na, das hast Du ja noch gut überstanden. Als Deine Schmiede noch leer stand, hatte ich den Eindruck, er wolle jeden Augenblick Deine Bude einreissen."

Ich schmunzelte und sagte: "Ja, das ist überstanden, aber ich finde, er ist dennoch ein sehr umgänglicher Bursche. So, ich muß wieder zurück. Es ist wieder Kohle zu mir unterwegs. Dann kann ich wieder arbeiten."

Kaum hatte ich ein paar Schritte gemacht, hielt ich inne und lief wieder zurück zur Werft.

Ich sagte zu ihm: "Ich wünschte, ich könnte genauso wie Du ununterbrochen arbeiten, aber die Engpässe siehst Du ja. Aber solange Dein Großauftrag läuft, kannst Du meinen Hammer haben. Damit solltest Du viel schneller vorankommen."

Wir tauschten unsere Hämmer und ich brauche ja nicht zu erwähnen, daß er sich gefreut hat. Natürlich habe ich meinen Hammer später auch wieder zurückbekommen.

© 1999-2021 Astrid Keßler - http://treffpunkt.kess-net.de/

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